Allergologie: „Allergie“ - ein Begriff wird 100 Jahre alt

Noch heute streiten sich die Medizinhistoriker, wer der erste Allergiker der Weltgeschichte war. So wird eine Hieroglyphen-Inschrift aus dem Jahre 2640 v.Chr. dahingehend gedeutet, dass Pharao Menes von Ägypten am Nil von einer „großen Wespe“ gestochen wurde und starb. Falls es -wie andere Ägyptologen behaupten- doch ein Nilpferd war, das den Pharao dahinraffte, muss es Britannicus (*12.2.41 n.Chr.) gewesen sein. Der Sohn von Kaiser Claudius und seiner dritten Ehefrau Messalina galt als Pferdeallergiker, dessen Gesicht bereits als Kind nach jeder Reitübung mit einem brandroten Hautausschlag bedeckt war.
 
Die ersten klassischen Beschreibungen des Heuschnupfens sind den beiden Londoner Medizinern William Heberden und John Bostock Anfang des 19. Jahrhunderts zu verdanken, die die Erkrankung als „Katarrh“ oder „summer catarrh“ bezeichneten. Als Begründer der Heuschnupfen- und Pollenforschung gilt Mitte des 19. Jahrhunderts der Engländer Charles Harrison Blackley. Anfang des 20. Jahrhundets riefen die Franzosen Charles Richet und Paul Portier durch Tests mit giftigen Seeanemonenextrakten im Tierversuch starke Überempfindlichkeitsreaktionen hervor. Der Begriff „Anaphylaxie“ war damit geboren.
 
Die Prägung des Begriffes „Allergie“ ist dem österreichischen Universalgelehrten Clemens Freiherr von Pirquet (*12.5.1874) zuzuschreiben. Nach seinen Studien der Theologie und Philosophie sowie schließlich auch Medizin fand Pirquet nach seiner Ausbildung zum Kinderarzt eine Anstellung in Wien bei einem der bedeutendsten europäischen Pädiater seiner Zeit: Professor Theodor Escherich. Seit Escherichs Entdeckung, dass Darmbakterien (so auch die nach ihm benannten Escherichia coli) bei der Physiolgie der Verdauung eine bedeutende Rolle spielen, widmete er sich dem Kampf gegen die Kindersterblichkeit. Eschrich ließ von Pirquet genügend Freiraum für dessen bakteriologische und immunologische Studien. Diese gipfelten in Zusammenarbeit mit dem ungarischen Kollegen Bela Schick in der Entdeckung der allergischen Reaktion. In der Münchener Medizinischen Wochenschrift (MMW) veröffentliche von Pirquet am 24. Juli 1906 einen Beitrag mit dem Titel „Allergie“. Bei der Findung und Erläuterung des neuen Begriffes half ihm sein philosophisches Wissen: “Wir brauchen ein neues, nicht präjudizierendes Wort für die Zustandsänderung, die der Organismus durch die Bekanntschaft mit irgendeinem organischen, lebenden oder leblosen Gift erfährt“, schreibt von Pirquet in der MMW Er schlägt für den allgemeinen Begriff der „veränderten Reaktionsfähigkeit“ den Ausdruck „Allergie“ vor, abgeleitet vom Griechischen (allos: anders, ergon: Funktion) und mit der Bedeutung „Abweichung von der ursprünglichen Verfassung“.
 
Von Pirquet prägt außerdem den Begriff „Allergen“:
Allergene sind Erreger, die von Immunität gefolgt sind…..auch die Gifte der Mücken und Bienen, die Pollen des Heufiebers, die Urtikaria erzeugenden Substanzen der Erdbeeren und Krebs…wird man unter diesem Namen vereinigen können.
 
Quelle: 25th Congress of the European Academy of Allergology and Clinical Immunology (EAACI)mit dem Motto “Hundert Jahre Allergien”, 10-16/06/2006, Wien
Foto: fotolia.de
 
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