Vom „entehrenden Zergliederungsgeschäft“ zum unentbehrlichen Lehrfach - Anatomie als Grundstein der modernen Medizin

In der Medizin vollzog sich der Schritt vom Mittelalter in die Neuzeit unter anderem dadurch, dass das Beobachten des menschlichen Leichnams in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns rückte: Mit dem Einführen regelmäßiger systematischer Sektionen konnte ein neuer medizinischer Standard geschaffen werden.
 
Der erste Grundstein für neuzeitliche Medizin wurde 1537 mit der Ernennung von Andreas Vasal als erstem Anatomie-Professor an der Universität zu Padua gelegt. Die seit der ausgehenden Antike verbreitete Lehre, dass die Gesundheit des Menschen von den vier Körpersäften bestimmt werde, den festen Körperteilen hingegen keine Bedeutung zukomme, hatte - von Vasal an 200 anatomischen Irrtümern widerlegt- endgültig ausgedient. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich Christian Norbert Eikermann am Kölner Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Vasal korrigierte beispielsweise die Ansicht, der Mann besitze eine Rippe weniger als die Frau sowie die Annahme, die Leber bestehe aus fünf Lappen. Der Anatom forderte, den menschlichen Körper ohne vorgefasste Konzepte und Theorien so zu untersuchen, wie er wirklich sei. So sei der Kopf als Sitz von Verstand und Geist nicht deshalb als wertvollster Teil des Körpers zu betrachten, weil er rund ist und deshalb die höchstwertige Form besitze, wie Platon einst folgerte. Außerdem brach Vasal - inzwischen seit 1544 Leibarzt Kaiser Karls des Fünften und dessen Sohn Philipp von Spanien - mit der Tradition, dass Seziergehilfen, Barbierchirurgen in wenig angesehener Stellung, die praktische Arbeit an der Leiche leisteten, während der Professor lediglich dozierte: Als erster Anatomie-Professor führte er seine Obduktionen selbst durch.
 
In Basel präparierte Vasal aus dem Leichnam eines exekutierten Verbrechers das erste menschliche Skelett zu Lehrzwecken. Seine Forschungsergebnisse ließ er von Stefan von Kalkar in 300 Abbildungen festhalten („De humani corporis fabrica“, 1543). Bis zu seinem Tode im Jahre 1564 hatten sich die Gewohnheiten soweit geändert, dass nun jeder gebildete Arzt die Sektionen selbst durchführte. Begründer der Sektionen sind die alten Griechen. Seit dem zweiten Jahrhundert n.Chr. gab es jedoch über tausend Jahre lang keine systematischen Leichenöffnungen, weil davon ausgegangen wurde, es bestehe kein weiterer Forschungsbedarf - die Funktion des menschlichen Körpers sei vollständig und schlüssig erklärt. Zum anderen wurde die wissenschaftliche Untersuchung des menschlichen Körpers mittels Sektionen lange Zeit durch Ignoranz, Aberglauben und Furcht verhindert. Sektionen galten als „Entehrendes Zergliederungsgeschäft“, und der Zweifel an der herrschenden Lehrmeinung als Sakrileg. Während der Senat von Venedig bereits im Jahre 1308 den Ärzten befohlen hatte, zu Studienzwecken jährlich eine Leiche zu öffnen, fanden in Deutschland die ersten Sektionen erst im ausgehenden 15. Jahrhundert statt. Im Jahre 1479 bekamen Chirurgen der Kölner Universität von Kaiser Friedrich dem Dritten die ersuchte Erlaubnis, jährlich ein bis zwei Sektionen durchführen zu können.
 
Quelle: Kölner Universitäts Journal 1/2004
 
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