Fälle von Lebensmittelbotulismus sind seit den Anfängen der Menschheit immer wieder im Zusammenhang mit der Aufbewahrung von Nahrungsmitteln aufgetreten. Allerdings bestehen nur wenige gut dokumentierte historische Berichte und Quellen aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.
Einige Lebensmittelvorschriften aus der Antike und dem Mittelalter spiegeln aber die Kenntnis vom Wesen und den Umständen einer Lebensmittelvergiftung durch Botulinumtoxin wider – wie beispielsweise das Edikt von Kaiser Leo VI. von Byzanz aus dem 10. Jahrhundert, das die Zubereitung von Blutwürsten verboten hat. Es ist davon auszugehen, dass manche historische Fall-Schilderungen von Belladonna-Vergiftungen in Wirklichkeit Botulismus-Fälle waren, denn zusätzlich zu den erweiterten Pupillen ist ebenfalls über starke Muskellähmungen berichtet worden. Ende des 18. Jahrhunderts haben einige gut belegte endemische Ausbrüche von „Wurst-Vergiftungen“- insbesondere in Württemberg – zu einer intensiveren und systematischeren Beschäftigung mit deren Ursachen geführt. So hat der romantische Dichter und Arzt Julius Kerner (1786-1862) zwischen 1817 und 1822 die ersten akkuraten und vollständigen Beschreibungen der Symptome des Lebensmittel-Botulismus publiziert. Kerner ist es allerdings trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, das von ihm als „zoonisch“ (= biologisch) bezeichnete „Wurst- oder Fettgift“ näher zu charakterisieren oder zu synthetisieren. Dennoch hat er die erste konkrete Vision entwickelt, dass sich das unbekannte Gift als Therapeutikum bei krankhaften Überregungen des muskulären und autonomen Nervensystems einsetzen ließe.
Erst 80 Jahre nach Kerners Erkenntnissen, im Jahre 1895, ist es dem Mikrobiologen Emile Pierre van Ermengen von der belgischenUniversität Ghent gelungen, ein anaerobes Bakterium als Verursacher einer „Schinkenvergiftung“ nach einem Leichenschmaus nachzuweisen. Dieses „Chlostridium botulinum“ – benannt nach seiner Lokalisation in verdorbenen Würsten (botulus, lat.= Wurst) und nicht nach seinem wurstförmigen Aussehen – ist in den folgenden Jahrzehnten so wie das von ihm unter anaeroben Bedingungen gebildete Toxin detailliert analysiert und charakterisiert worden. Alan B. Scott und Edward J. Schantz haben durch ihre Pionierarbeiten in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts die Kerner’sche Idee einer therapeutischen Nutzung des Toxins in die klinische Praxis umgesetzt. Seither sorgt das „heilsame Gift“ für immer neue grundlagenwissenschaftliche und therapeutischen Überraschungen.
Quelle: Launch-Symposium „Xeomin®", Dessau, 19/06/2005, Referent: Prof. Dr. F. Erbguth, Nürnberg