Leibärzte zwischen Medizin und Politik - Wie ein Kaisermörder zu Ehren kommt

Vergiftete Arzneien, missglückte Attentate und versteckte Ehrerbietungen gehörten zwar auch in der Antike nicht zur Doktorwürde, dennoch trumpften Leibärzte am Hof des römischen Kaisers Claudius (10 v.Chr. - 54 n.Chr.) mit schier unglaublichen Machenschaften auf. Denn den Medizinern stand der Sinn nicht allein nach Heilen von Krankheiten hat Ferdinand Peter Moog vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln herausgefunden.
 
Den Ärzten ging es vor allem um Macht am Hofe und darum, sich in der Gefolgschaft der kaiserlichen Familie zu positionieren und Ruhm sowie Nachruhm zu erlangen. So missbrauchte beispielsweise Gaius Stertinius Xenophon das Vertrauen des Kaisers dahingehend, dass er sich mit Agrippina, der vierten Frau des Kaisers, mit dem Ziel verbündete, Claudius selbst und seinen Sohn Britannicus auszulöschen. Sie wollte ihren Sohn Nero auf den Kaiserthron befördern, musste jedoch vorher diejenigen beseitigen, die ihr im Wege standen: Ihren Mann, der eine Nachfolgeregelung zugunsten seines Sohnes Britannicus intendierte, und Britannicus selbst, der nach dem Wunsch seines Vaters vor Nero Thronfolger werden sollte. Xenophon hatte kein so offenkundiges Motiv. Dennoch ging er seiner Verbündeten mit einer geradezu mörderischen Methode zur Hand. Um den Verdacht einer kriminellen Machenschaft zu verdecken, vergifteten sie den nichts ahnenden Kaiser mit einem Mittel, das nicht sofort tötete. Das Gift des Blauen Eisenhuts sollte einen schweren Schlaganfall vortäuschen. Als der Kaiser resistenter auf das Gift reagierte als erwartet, eilte Xenophon zu seinem kaiserlichen Patienten, der auf die Hilfe seines Arztes vertraute. Dieser gab vor, den sich in Krämpfen windenden Kaiser zu entlasten, indem er ihm eine Feder in den Rachen führte. Die Feder jedoch war vergiftet. Der Kaiser starb sofort.
 
Gegen diese Art ärztlichen Handelns ist die Verstrickung des Leibarztes Vettius Valens in den Tod seiner Patientin Messalina, der dritten Frau des Claudius, fast eine Lappalie. Es wird auch vermutet, dass er Drahtzieher einer Aktion war, bei der Messalina auf einem Weinfest ihren damaligen Liebhaber heiratete. Dass ihn dies sein eigenes Leben kosten sollte, ahnte er sicher nicht. Der Kaiser war derart verärgert, dass er Messalina samt ihrer Gefolgschaft exekutieren ließ. Zuvor offenbarte Hofarzt Scribonius Largus zwischen den Zeilen seiner Rezepturen für Zahnpulver seine Verehrung für Messalina, denn eine offene Widmung wäre zu anzüglich gewesen. Largus konnte sich mit der rhetorischen Hervorhebung der Kaiserin am Hof positionieren, und darum ging es wohl den Ärzten in erster Linie. Wenn auch zumindest Xenophon heutzutage seinen Doktorhut abgeben müsste, in der Antike wurde das Antlitz des mutmaßlichen Kaisermörders an Kaisers statt auf einer Münze abgebildet.
 
Quelle: Kölner Universitätsjournal, Ausgabe 2/2006, S. 8
 
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