Der am King’s College, London, lehrende Mediziner Paolo Rizzi hat Schriften des einflussreichen italienischen Arztes Pietro Andrea Matthioli aus dem 16. Jahrhundert untersucht mit dem Fazit: Lebererkrankungen wurden zu dieser Zeit völlig anders definiert und die Funktion der Leber auch ganz anders eingeschätzt als heute.
Meistens wird die frühe Neuzeit als die Epoche zwischen 1500 und 1800 in Europa und seinen Kolonien bezeichnet. In dieser Zeit praktizierten die Ärzte die so genannte Galenische Medizin. Diese geht auf den altgriechischen Arzt Galen zurück, der im 2. Jahrhundert n.Chr. in Rom am kaiserlichen Hof arbeitete. Galen nahm die antiken Theorien von Hippokrates, Plato und Aristoteles auf. Sie gingen davon aus, dass Gesundheit gleichbedeutend mit dem Gleichgewicht von vier Säften sei: dem Blut, dem Schleim, der gelben und der schwarzen Galle. Mediziner der Antike sahen ihre Aufgabe darin, bei Krankheiten das Gleichgewicht dieser Säfte wiederherzustellen. In der frühen Neuzeit wurden Galens medizinische Theorien an zahlreichen europäischen Universitäten gelehrt - demnach gab es drei lebenswichtige Organe: das Gehirn, das Herz und die Leber. Die Leber spielte eine wichtige Rolle, weil sie für die Ernährung zuständig war. Sie wurde als Beginn aller Venen gesehen, durch die die Nahrung an den Körper weitergegeben wurde und stellte auch nach damaliger Sicht zwei der vier Säfte her. Es wurde angenommen, dass die halbverdaute Nahrung über die Pfortader vom Magen in die Leber gelange. Dort gehe die Verdauung weiter. Als Ergebnis, so wurde bis in die frühe Neuzeit angenommen, produziere die Leber die gelbe Galle und das Blut.
Mit der Gallenflüssigkeit lagen die Ärzte gar nicht so falsch. Jedoch beim Blut ist heute dagegen bekannt, dass dessen Zellen im Knochenmark gebildet werden und dass die Leber zusammen mit der Milz für das Gegenteil zuständig ist: den Abbau der alten roten Blutkörperchen. Galens Theorie der Säfte ist nach Rizzi unglaublich gelehrt und komplex; sie enthält auch Elemente von Philosophie, Astrologie und Religion. Das Kernprinzip sei aber so einfach gewesen, dass alle es verstanden - unabhängig von der sozialen Schicht - vom Universitätsgelehrten bis hin zu einfachen Leuten ohne medizinische Ausbildung, die in den entlegenen Dörfern Patienten nach Erfahrungswerten behandelten. Die Einfachheit der Theorie trug auch dazu bei, dass sich die Galenische Medizin äußerst lange bis ins 18. Jahrhundert hinein hielt. Im Zeitalter der Renaissance ab dem 15. Jahrhundert wurden viele Autoren aus der antiken Klassik wiederentdeckt. Die Erfindung des Buchdrucks verstärkte diesen Prozess noch.
Im Jahre 1544 übersetzte Matthioli in Venedig die Schriften des Discorides aus dem Griechischen ins Lateinische. Discorides war ein griechischer Arzt, der im 1. Jahrhundert n.Chr. eine Abhandlung über Pflanzen, Mineralien und Tiere verfasst hatte, denen er heilende Eigenschaften zuschrieb. Matthiolis Übersetzung der Materia Medica wurde wiederum ins Italiensiche, Französische und Deutsche übertragen. Im Europa der frühen Neuzeit wurde die Materia Medica bald das pharmazeutische Standardwerk schlechthin. Paolo Rizzi hat in diesem Werk untersucht, wie die Leber in Matthiolis Text behandelt wird. Dabei widerstand er der Versuchung, moderne medizinische Fachbegriffe auf die damalige Zeit zu übertragen. Matthioli spricht von sechs Leberleiden: Entzündung, Gelbsucht, Flüssigkeitssammlung, Kälte, Schmerz und Verhärtung der Leber. Insgesamt standen hierfür 97 Mittel zur Verfügung. Den meisten wurden mehrere Wirkungen nachgesagt: 17 sollten Entzündungen heilen, 52 die Gelbsucht, 41 die Flüssigkeitsansammlungen, acht die Kälte, drei den Schmerz und eines die Verhärtung der Leber. 14 davon sollten gleichzeitig Entzündung und Gelbsucht heilen, sechs die Gelbsucht und die Wasseransammlung. Vier von 52 Gelbsuchtmitteln und drei von 41 Mitteln gegen Wasseransammlung sollten gleichzeitig den Juckreiz kurieren.
58 Mittel wurden aus Pflanzen gewonnen, 26 aus Wurzeln, zwei aus Pilzen, fünf aus Mineralien und vier aus Tieren. Kiefernrinde wurde gegen Entzündung eingesetzt. Gegen Flüssigkeitsansammlungen verwendete man Salz, Flusssand, eigenen Urin, Meerwasser, Igel und Schnecken. Aloe Vera, Schwefel, Tausendfüßler und Hirschhorn sollten die Gelbsucht heilen. Rhabarber sollten Entzündung und Gelbsucht kurieren, Oregano Gelb- und Wassersucht beseitigen. 40 Mittel dienten der Reinigung der Leber von verdorbenen oder im Übermaß vorhandenen Säften, da sie harntreibend wirkten. 20 sollten verengend wirken, 13 austrocknend, acht beruhigend, 20 reinigen und neun Erbrechen auslösen. Auch hier hatten manche Mittel mehrere Funktionen gleichzeitig: Acht waren gleichzeitig harntreibend und reinigend. Kein einziges dieser Mittel war leberspezifisch: Viele wurden auch für Nieren-, Magen- und Milzleiden angewandt. Sie waren unterschiedlicher Herkunft. 90 kamen aus Europa – vor allem Italien und den Alpen. Vier Pflanzen fanden sich nur in Indien und je eine nur in Arabien, Armenien und Libyen. Nach Rizzis Studie ist dies die erste Untersuchung überhaupt, welche die Behandlung von Leberleidem im Europa der frühen Neuzeit zum Thema hat, dabei kommt er zu einem überraschenden und provokanten Schluss: Wenn man das 16. Jahrhundert betrachte, sei es die falsche Wortwahl, überhaupt von der „Behandlung von Leberkrankheiten“ zu sprechen, denn den Galenischen Ärzten war dieses Konzept völlig unbekannt. Wenn auch sieben der Heilmittel, die für die Leber aufgelistet wurden, ebenfalls gegen den Juckreiz angewendet wurden, hieße das nicht unbedingt, dass Matthioli den Juckreiz mit der Leber in Verbindung setzte.
Die Studie zeigt aber auch, dass Ärzte im Europa des 16. Jahrhunderts einige Leberleiden kannten, wie Gelbsucht und Wasseransammlung. Sie verwandten eine große Zahl von Kräutern, um die Leber von überschüssigen oder schädlichen Säften zu befreien. Dies geschah meistens dadurch, dass die Medikamente harntreibend wirkten. Keines dieser Mittel war leberspezifisch, sondern wurde auch für eine Reihe anderer Leiden angewandt. Insgesamt bietet Rizzi mit seiner Arbeit einen faszinierenden Einblick in eine längst vergangene Zeit und zeigt, wie grundlegend sich das Bild von Krankheiten in den letzten Jahrhunderten gewandelt hat.
Quelle: Rizzi, P.: An excess of corrupted humors: healing the liver in 16th century in Europe. Hepatology, Vol.44, No.4, Suppl.1 - Oct. 2006 AASLD Abstract 505 – Das Lebermagazin Nr. 4/2006 – H S.27ff