Phytomedizin - Der grüne Schatz der pharaonischen Ärzte (Teil II)

Gegenwärtig erlebt die Verwendung der Pflanze eine große Renaissance in der ayurvedische Medizin, die ihr eine stressmildernde Wirkung zuschreibt.
 
Tatsächlich konnte aus dem wässrigen Wurzelextrakt der Schlafbeere eine Verbindung isoliert werden, die beruhigend und stresshemmend wirkt. Extrakte aus dieser Pflanze können darüber hinaus das Immunsystem stärken und besitzen antioxidative Eigenschaften. Ein anderes Beispiel: Ein bestimmtes Jochblattgewächs (Fagonia indicia) nutzte die ägyptische Volksmedizin zur Behandlung von Hautkrankheiten und Krebs in frühen Stadien. Interessant ist, dass neuere Untersuchungen dieser Pflanze das Vorkommen von Ursolsäure und Oleanolsäure nach Hydrolyse des Ethanolextraktes beschreiben. Diese beiden Triterpensäuren zeigen eine krebshemmende Wirkung.
 
Man spricht von Triterpensäuren, wenn sie aus 30 Kohlenstoffatomen bestehen. Aus dem Jochblattgewächs konnten so genannte Triterpensaponine isoliert werden. Diese setzen sich zusammen aus einem Triterpenteil und einem Kohlenhydratteil. Saponine sind chemische Verbindungen, die meist bitter schmecken und eine schäumende Wirkung haben. Seit alters her werden saponinhaltige Pflanzen in der Volksmedizin verschiedener Kulturkreise gegen Husten, Rheuma und Gicht eingesetzt. Außerdem werden die Blätter saponinhaltiger Pflanzen als Bestandteil harntreibender Tees sowie vieler Nieren-, Blasen- oder Abführtees genutzt. Die Stoffklasse der Triterpeninsaponine weist ein sehr umfangreiches Spektrum auf: Sie sind pilz- und schneckentötend, entzündungshemmend, Viren bekämpfend, lösen Husten, sind Radikalfänger und wirken günstig auf das Herz-Kreislauf-System ein. Besonders wichtig ist der Einsatz von Triterpensaponinen zur immunsteigernden Wirkung von Antigenen. Hierbei wird das Triterpensaponin zusammen mit Zusatzstoffen und einem spezifischen Antigen, meist Viren, verabreicht, um die Reaktion des Immunsystems auf das spezifische Antigen zu verstärken. Erfolgreiche Experimente mit Impfstoffen gegen Herpes- und Grippe-Viren sowie HIV wurden bereits durchgeführt.
 
Einige Saponine helfen auch, der Bildung von Tumoren entgegenzuwirken, indem sie zum einen gefährliche Zellen zerstören, zum anderen die Immuntätigkeit des Körpers anregen. So hemmen beispielsweise die aus Agave cantala, einer Agavenart, isolierten Saponine das Wachstum des weiblichen Gebärmutterhalskarzinoms und das von Leukämiezellen. Auch bei einigen Liliengewächsen sind diese Eigenschaften bekannt. Bei einer Behandlung mit Gingseng-Saponinen tritt eine deutliche Wachstumshemmung von bösartigen Tumoren unter der Haut auf. Ein in Liliengewächsen vorkommendes Steroidsaponin regt das Immunsystem an. Wird dieses Saponin in die Bauchhöhle einer Maus injiziert, so hemmt es das Wachstum von Lebertumorzellen: Bei der anschließenden Blutanalyse wurde ein erhöhter Spiegel an körpereigenen Killerzellen, also eine Immunstimulation, nachgewiesen. Ebenfalls ein Heilmittel der altägyptischen Volksmedizin war die Rinde des Granatapfelbaumes (Punica granatum L.). Sie wurde gegen Ende des Mittleren beziehungsweise Beginn des Neuen reiches (etwa 1500 v.Chr.) in der altägyptischen Medizin als Bandwurmmittel eingeführt. Wie man heute weiß, ist das Vorkommen von so genannten Pyridinalkaloiden des Pelletierin-Typs der Grund für die Wirkung. Pelletierin ist hochgiftig für Bandwürmer. Auch einige der modernen synthetisch hergestellten Bandwurmmittel machen sich den gleichen Wirkmechanismus zunutze: Die Muskulatur wird gelähmt, sodass die Würmer mit dem Stuhl ausgeschieden werden.
 
Die Untersuchungen von Heilpflanzen zeigen, wie wichtig es für die moderne Forschung ist, das breit gefächerte Wissen der Volksmedizin der verschiedenen Regionen der Erde zu kennen und zu nutzen, um neue und hoch wirksame Medikamente zu entwickeln, mit denen Krebs-, Aids-, Herz-Kreislauf- und viele andere Erkrankungen erfolgreich behandelt werden können. Bedenkt man, dass lediglich ein Prozent aller untersuchten chemischen Strukturen Naturstoffe sind, aber Naturstoffe und davon abgeleitete Verbindungen bei Wirkstoffen einen Marktanteil von 35 Prozent haben, wird offensichtlich, wie groß das Wachstumspotenzial ist. Die in Jahrmillionen der Evolution entstandenen Biomoleküle tragen einen sehr viel höheren Wirkstoffcharakter in sich als viele artifizielle Stoffe. Deshalb sollte der „grüne Schatz der pharaonischen Ärzte“ weiter gehoben und nutzbar gemacht werden.
 
 
Korrespondenzanschrift:
Prof. Dr. Karlheinz Seifert
-Universität Bayreuth- (Lehrstuhl f. Organische Chemie I)
Universitätsstr. 30
95447 Bayreuth
 
Der Beitrag ist in „forschung“ (3-4/2005 S.31 ff.), dem Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Bonn, veröffentlicht. - Bei den Forschungen handelt es sich um ein deutsch-ägyptischen Kooperationsprojekt der DFG, das vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert wurde.
 
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