Trepanation: Steinzeitwaffe gegen den Schmerz - Aus der Geschichte der Schmerztherapie
Der prähistorische Mensch war davon überzeugt, der Schmerz werde durch einen unsichtbaren Dämon im Organismus verursacht. Diese Vorstellung führte zu drastischen „Behandlungsmethoden“: So wurde bei chronischen Kopfschmerzen eine Schädeltrepanation praktiziert, um den Dämon aus dem Körper entweichen zu lassen. Mit einem steinernen Schabemesser durchtrennte man dabei die Schädeldecke, so dass eine Verletzung der Hirnhäute vermieden wurde. Glückte der Eingriff, vernarbten die Schnittflächen der meist elliptischen Öffnungen, und der Patient überlebte. Trepanationen wurden bereits um 10 000 v.Chr. durchgeführt, wie Knochenfunde in der Totenstadt von Taforalt im Nordosten Marokkos belegen. In der steinzeitlichen und frühgeschichtlichen Epoche war die Schädeleröffnung besonders in West- und Mitteleuropa und in den Frühkulturen Südamerikas verbreitet. Sie lebte als Behandlungsmethode bei den Indianern der pazifischen Randgebiete des heutigen peruanischen Küstenstreifens lange Zeit fort. Es gibt Zeugnisse für die Trepanation bis zur späteren Chimu-Kultur (1200 – 1463 n.Chr.). So zeigt der Griff eines aus dieser Zeit erhaltenen Trepanationsmessers eine plastisch dargestellte Operationsszene , bei der ein Assistent den vermutlich mit Drogen vorbehandelten Kranken stützt, während der Medizinmann den Eingriff vornimmt. Selbst heute noch wird die Trepanation ohne größere Veränderungen des Verfahrens von einigen Naturvölkern der Erde praktiziert und zwar insbesondere in Afrika. Auch für die Chaouias inAlgerien war die Trepanation noch in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Methode der Wahl bei andauerndem Kopfschmerz.
Lackmus für zahnschmerzgeplagte Babylonier - Aus der Geschichte der Schmerztherapie
Religiöse Praktiken und therapeutische Elemente waren in archaischen Kultureneng miteinander verbunden. So wurden Krankheiten und Schmerzen in den mesopotamischen Völkern als direkte Folge einer Beleidigung der Götter durch den Menschen verstanden. Man suchte nach Heilmethoden, die das Fehlverhalten sühnen und so zugleich dem Schmerz begegnen konnten. Wie dies geschehen sollte, dazu geben einige der vielen um 700 v. Chr. mit Keilschrift beschriebenen Tontafeln aus den Ruinen von Nippur Hinweisen. Sie erlauben einen Einblick in die Rezepturen der sumerischen Epoche des 2. Jahrtausends v. Chr. Die Dokumente sind wahrscheinlich - ebenso wie die in Kujundschik am Standort der berühmtern Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal (668 – 627 v. Chr.) aufgefundenen Tafeln - Kopien sehr viel älterer Texte. In den aufgeführten medizinischen Vorschriften wird zum Beispiel empfohlen, bei Zahnschmerzen Lackmuswurzel –vermutlich in einem Leinensäckchen eingeweicht – auf den kranken Zahn zu legen. Die Behandlung soll von Gebeten oder magischen Beschwörungsformeln begeleitet werden, um den „Zahnwurm“ sicher zu vertreiben. Gegen Kopfschmerzen uns Migräne raten die damaligen Heiler, den Kranken mit pulverisierten und mit Zedernöl vermischten Menschenknochen zu bestreichen. Neben den Flüssigkeiten benutzten die Assyrer auch Salben und Pflaster. Insbesondere bei Ohrenschmerzen waren Räucherungen durch das Verbrennen trockener Wildkräuter beliebt. Den Texten auf den Tontafeln lässt sich entnehmen, dass auch Alraunwurzeln, Mohnkapseln, Senfkörner und Tamarisken zur Behandlung von Kopf- und Zahnschmerzen eingesetzt wurden. Ob die Assyro-Babylonier die erwähnten Weidenblätter so wie alten Ägypter bereits bei schmerzhaften Wunden und Entzündungen äußerlich verwendeten, ist nicht bekannt. Auch ist das Wissen darüber sehr gering, wie genau die in den assyrischen Rezepturen aufgelisteten Pflanzen, Mineralien und tierischen Produkte therapeutisch eingesetzt wurden.
„SCHMERZ zwischen Steinzeit und Moderne – Ein Führer durch die Geschichte der Schmerztherapie“ anlässlich der Eröffnungspressekonferenz der Bayervital GmbH zur Ausstellung SCHMERZ, Berlin, 04/04/07