Zwischen Antike und Renaissance: „Spongia Somnifera“ – Die Schlafschwämme
Bis in das Mittelalter hinein findet sich eine enge Verknüpfung von Schmerzverständnis und religiösen Ansichten. Die ersten Theologen orientierten sich dabei am Leiden Christi, das dahingehend eine Vorbildfunktion besaß (1. Paulusbrief 2,21). Es fehlte folglich nicht an Aufforderungen, Schmerz und Leiden zu bejahen oder sogar mit Freude auf sich zu nehmen.
Diese Einstellung hat sich in Grundzügen bis in die Neuzeit gehalten:
Denn die Vorstellung, dass überstandene Schmerzen den Menschen in seiner geistigen Entwicklung voran bringen, war bis in unsere Epoche hinein Gemeingut in europäischen Kulturländern. Bei chirurgischen Eingriffen wurden im Laufe der Zeit dennoch verstärkt „Spongia Somnifera“, die so genannten Schlafschwämme, eingesetzt, um Schmerzen zu lindern.
So ist aus den Medizinschulen von Salerno und Montpellier überliefert, dass Schwammstücke in alkaloidhhaltige Pflanzenaufgüsse – also zum Beispiel in Alraun-, Hanf- oder Mohnsaft – eingetaucht wurden und man sie über die Nase und Mundschleimhaut des Patienten einwirken ließ. Dieser Technik hatte sich schon der seinerzeit berühmte persische Arzt Ali al-Husayn ibn Abdullāh ibn Sīnā, latinisiert Avicenna (980- 1037), bedient. Die Gabe der Alkaloide über die Schlafschwämme führte jedoch häufig zu Überdosierung, und nicht zuletzt auch durch die nicht standardisierten Drogenabkochungen war die schmerzlindernde Wirkung oftmals von schweren Vergiftungserscheinungen begleitet.
Abgesehen von den „Schlafschwämmen“ machte die „Materia medica“ hinsichtlich der Schmerzbehandlung im Mittelalter wenig Fortschritte. Die schmerzlindernden Anwendungen der Weide waren bei den Ärzten offenbar in Vergessenheit geraten. Das älteste deutsche Arzneibuch - um 795 in Lorsch entstanden und auch als „Bamberger Codex“ bekannt - nennt nur die „Grindflechte“ als Indikation.
In der Volksheilkunde jedoch lebten die alten Erfahrungen weiter:
Die Kräuterfrauen sammelten die Rinde der an Flussläufen verbreiteten Silberweide „Salix alba“ und boten den Aufguss den von rheumatischen Schmerzen geplagten Menschen an. Doch das Sammeln von Weidenrinde wurde später unter Strafe gestellt, da man die Weiden mehr und mehr zur Herstellung von Korbwaren benötigte. Die Kräuterfrauen wichen deshalb auf andere Pflanzen aus, wie zum Beispiel auf Spiraea ulmaria (älterer Name für Filipendula ulmaria, Mädesüß).
Die Blüten der Pflanze wurden ebenfalls zur Herstellung schmerzlindernder Arzneimittel genutzt. Zwar war unbekannt, worauf der Effekt beruht, die schmerzlindernde Wirkung von Spirea ulmaria war aber in weiten Teilen der Welt bekannt und wurde von den nordamerikanischen Indianern ebenso genutzt wie von den Hottentotten Südafrikas.